family affairs

Freitag, 29. Dezember 2006

Besinnliche Feiertage, Teil II oder "Das Lustspiel"

Es folgt ein für den gesamten Ablauf des Abends des 24. Dezembers 2006 gepräsentativer Ausschnitt.

Zur Situation:
Mein Bruder, der Herr Vater, Frau Mutter, Frau Großmutter mütterlicherseits und ich sitzen an einem ehemals festlich gedeckten Tisch, nunmehr bloß noch als ein Schlachtfeld zu bezeichnen. Es gab Fondue, ein herrlich geselliges Spieleessen und wie gemacht für feierliche Anlässe. 50 strategisch günstig aufgebaute Teelichte zieren das Wohnzimmer, im Hintergrund grölt Mariah Carey ihren "Hark! The Herald Angels Sing"-ChristmasSong auf 104.6 RTL-Radio. Zwei Flaschen Champagner und die erste Kiste Brunello Di Montalcino ('97 Frescobaldi) sind gekillt, es wird also langsam lustig.

Mutter knotet sich mit Hilfe einer benutzten Fonduegabel einen Dutt in die Locken, während die Großmutter von einem ihrer missglückten Theaterbesuche erzählt:
"Kroetz. Ich hasse Kroetz. Nackte Männer. Sowas will ich doch in meinem Alter nicht mehr sehen. Nicht im Theater. Dabei habe ich viel Geld für die erste Reihe bezahlt, und wofür? Um schrumpelige Schwänze über die Bühne baumeln zu sehen?"
Meine Mutter bindet sich kichernd zwei weiße Servietten um den Hals, während Großmutter weiter berichtet.
"Nach dem zweiten Beischlaf bin ich gegangen. 'Buuuuh!', habe ich empört gerufen. 'Hässlich! HÄSSLICH!' "
Großmutter stockt, wendet sich verwundert ihrer Tochter zu und fragt:
"Wer bist Du?"
Antwort:
"Ich bin Tante Helmi."
Mutter kichert wieder, steht auf, stellt sich vor Kopf des Tisches in großzügige Pose und singt mit ständig zu einem weiten O geformten Lippen und heiserer Sopranstimme:
"Öhr Könderloin koooommöt, ooh kooommöt doch oll!"
Großmutter greift sich ungläubig an die Stirn und macht AchduscheißeGeräusche, als mein Bruder lallend in die Menge fragt:
"Isser nich toll, der Wein, hum? Toll oder? Und knallt gaanich so direkt in'n Kopf, oder?"
Mutter, ohne die Lippenform zu verändern:
"Doch, doch, ober schön knollt dör!"
Vater:
"Wie heißt die Krismäs no'ma mit Vornam'n?"
Einheitliche Antwort:
"Märie!"
Vater:
"Wenn ihr alle noch so geistreiche Witze machen könnt, geh ich ma no'ne Pulle dekantieren."
Geht ab in die Küche, findet nur einen Plastikmessbecher.
Der teure Wein findet sein vorläufiges Schicksal:
brunokanne
to be continued...

Donnerstag, 28. Dezember 2006

Besinnliche Feiertage, Teil I

Meine Großmutter mütterlicherseits erzählt:
"Früher war es ja bei uns in der Gegend üblich, zu Weihnachten jedes Jahr ein Reitturnier auszurichten. Deine Mutter, deine Tante Sabine und dein Onkel Theo waren alle sehr begabte Springreiter. Jedenfalls, wenn sie wollten. Ich war immer stolz auf meine drei Kinder, abgesehen von einem Jahr.
Die Turniere fanden traditionell draußen statt, egal wie kalt es war und dein Großvater meinte, die Kinder müßten ein Glas Punsch trinken, damit sie nicht allzu sehr frören.
Der kleine Theo war damals kaum 14 Jahre alt und kotzte im hohen Bogen vom Pferd, aber er ritt tapfer durch bis zum Schluss. Immerhin wurde er Dritter.
Deine Tante Sabine verlor an irgendeiner Barrikade die Kontrolle über ihren Fuchs, weil er Klatschgeräusche der Menge nicht mochte, und lag schon im Dreck, bevor sie die erste Hürde angehen konnte, aber deine Mutter war die Schlimmste.
Sie war wohl kaum bei einem Glas Punsch geblieben und so betrunken, dass sie die Hindernisse nahm, wie es ihr gerade in den Sinn kam. Sie flocht mittendrin Figuren aus der Dressur ein und irgendwann hatte sie wohl keine Lust mehr, sprang über den Zaun des Parcours und preschte übers Feld in den nächsten Wald." Meine Mutter nickt zustimmend.
"Ich war immer gerne im Gelände.", sagt sie.
"Ach Quatsch. Du warst so besoffen, dass du schon drei Mal mit dem Kopf gegen den Türrahmen an der Box gedonnert bist, bevor du überhaupt auf dem Gaul gesessen hast.", winkt meine Oma ab. Mutter:
"Stimmt. Eigentlich hätte ich das Turnier trotzdem gewinnen müssen. Ich war immernoch besser als die anderen."

Sonntag, 19. November 2006

HighTech Fressenpolitur

Meine Familie ist ziemlich unübersichtlich, schon alleine wegen ihrer nicht unerheblichen Größe, aber auch, weil ihre Mitglieder alle so verstreut leben, inner- wie außerhalb Deutschlands.
Mein Onkel Uli wohnt allerdings in Berlin, wie ich. Er ist Zahnarzt. Gut, das ist nicht immer schön, vor allem, weil er so ein gemeiner Pedant sein kann und dazu noch sadistische Veranlagungen erkennen lässt, wie schon seine Berufswahl verdeutlicht, aber immerhin ist es wenigstens praktisch. Jedenfalls für mich. Ich kriege schneller Termine als mir lieb ist, habe längere Sitzungen als mir lieb ist und er friemelt mir wesentlich kostenintensiver im Gesicht herum als meiner Krankenkasse lieb ist. Also lauter Vorteile. Jou, die Kauleiste ist gerade und weiß! Dank Paten(t)onkel Uli.
Jetzt wurde unser verstrickt verwandschaftlichpatientarzt Verhältnis mechanisch. Genau genommen gestern.
Uli drückte mir eine nigelnagel neue Oral-B Triumph ProfessionalCare 9500 in Luxusausführung in die Hand, die einem, noch während man Oral-B Triumph ProfessionalCare 9500 in Luxusausführung sagt, die Zähne reinigt und poliert, das Zahnfleisch massiert und nebenbei einen Spionagesatelliten in die Erdumlaufbahn fliegt. Jedenfalls sieht diese Zahnbürste so als, als könne sie ins Weltall fliegen. Und so dick, wie die Betriebsanleitung (!) zur korrekten Handhabe ist, steht sicherlich auf Seite 496 auch noch etwas darüber, welches Programm man einstellen muss, damit die Starttriebwerke zünden.
Sagt mein Onkel beim Überreichen von dem Ding:
"Hier, da muss ich dir nicht immer die Fresse polieren. Det jeht nämlich och janz automatisch jeze.", und grinst sich eins. Ich grinse mit und denke, dass mir dieses Gerät wenigstens keine 500 Watt-Lampe vors Auge hält, mir Watte in die Backentaschen steckt, mir Spuckesauger an die Lippe hängt, mit Bohrern, Matrizen und Fingern meinen Kiefer auseinander reisst und sich dann wundert, wenn ich auf eine gestellte Frage keine deutliche Antwort geben kann.
Danke.

Samstag, 11. November 2006

Highlights einer letzten Begegnung

Vor der Beerdigung.
Meine Großmutter mütterlicherseits nippt nicht an Likörchen.
Meine Großmutter säuft Gin Tonic.
"Wenn ich mich schon betrinken muss, und das ist ja wohl das Mindeste, wenn der Alte schon hopps gegangen ist, dann mit Stil und nicht mit Zucker.", sagte sie. Einen Longdrink später zitiert sie wieder Wilhelm Busch. Den zitiert sie immer und in jeder Lebenslage, warum also auch nicht in der Stunde des Dahinscheidens des Mannes, mit dem sie über 60 Jahre lang verheiratet war, wenn auch seit bereits 25 Jahren getrennt lebend, da der Herr lieber ganzjährig in Celle Pferdezucht und Jagd betrieb, als bei seinem Eheweib in der Nähe von Münster zu weilen. Meine Großmutter hat es weniger gestört. Eigentlich bekam sie immer nur schon eine Woche, bevor er mal wieder zu Besuch kam, Herzschmerzen, die noch eine weitere Woche nach seiner Abreise anhielten. Sie zitiert also Busch. Dieses Mal aus 'Abenteuer eines Junggesellen'.
"Heissa! - rufet Sauerbrot -
Heissa!! Meine Frau ist tot!"
Sie hält inne, sinnt nach über ihre Wahl. Dann:
"Schade nur, dass das nur mit "meine Frau" geht, nicht mit "mein Mann", denn da fehlt ja da'ne Silbe."

Der Sohn des mittleren Bruders meines Großvaters ist mein Großonkel oder sowas? Egal. Rölfi jedenfalls ist Pfaffe. Ein guter, gläubiger Mann. Deshalb wohl weigerte er sich auch, die letzte Messe für seinen verstorbenen Onkel Theo zu halten. Er meinte, er könnte unmöglich als gläubiger Vertreter der katholischen Kirche einem Mann, der diesem Lebenswandel fröhnte, die letzte Ehre erweisen. Da gehen wir jetzt aber erst einmal nicht ins Detail. Die Frau des mittleren Bruders meines Großvaters jedenfalls sagte zu ihrem Sohn:
"Junge, das ist mir ganz egal, ob du kannst oder nicht, du machst das! Sonst zeig' ich dir gleich mal kurz, was Nächstenliebe ist, mein Freund."

Bei der Beerdigung.
Nun denn, so sprach Pfarrer Rolf also von Lebenswegen und Zielen seines Onkels Theo, die ihm, seinem Neffen, leider im Verborgenen geblieben waren. Geschickte Wortwahl, das muss ich ihm lassen. Rolf sprach davon, dass man dem Verstorbenen all die Dinge und Worte verzeihen möge, die seine geliebten Mitmenschen doch verletzten. (Nie körperlich! Er war halt nur nicht sehr- diplomatisch? Sensibel?) Meine Großmutter nickte heftig. Rölfi, der -nebenbei bemerkt- eine ansehnlich Plauze bekommen hat, seit wir uns das lette Mal trafen, sprach davon, man möge dem Verstorbenen auch das verzeihen, was er eben nicht getan oder gesagt habe. Wieder nickte die Witwe heftig.
"Amen!", rief sie in die bedrückende Stille der kleinen Kapelle. Leises Raunen lief in kurzen Wellen durch die Gruppe der trauernden Gemeinde. Großmuttern sah mit stechendem Blick in die Runde und wartete, dass einer wagte, einen Kommentar abzugeben oder nur einen vorwurfsvollen Blick in ihre Richtung zu entsenden. Sie erhob den rechten Zeigefinger und sagte laut und deutlich noch ein zweites Mal:
"A- men!"

Nach der Beerdigung.
Meine Familie neigt dazu, sich in jeder Lebenslage den Humor zu bewahren, eben auch deshalb, weil er vieles doch erträglicher macht. So dauert es nicht allzu lange, da hätte ein Außenstehender eher auf einen fröhlichen Geburtstag getippt, statt auf einen Leichenschmaus.
Meine Großmutter stieß meinem Bruder den Ellbogen in die Rippen und sagte leise:
"Ach, wie sie alle lachen und Scherze machen. Aber soll ich dir mal was sagen?" Oje, jetzt sagt'se gleich, wie traurig sie doch ist und wie schmerzhaft diese Erfahrung!
"Weißt du, die einzige, die sich aber wirklich richtig freut, die bin ich. Seit zwei Jahren denke ich über Scheidung nach (Großmutter 86, Großvater 91!) und zerbreche mir den Kopf, da gibt der Alte plötzlich den Löffel ab. So einfach wollte ich es ihm eigentlich nicht machen. Aber da siehste mal wieder, einige Probleme lösen sich eben doch ganz von selbst."

Ihr könnt Euch vielleicht denken, dass noch viel mehr Dinge ausgesprochen wurden, die ich aber an dieser Stelle lieber nicht wiederholen möchte. Ich möchte allerdings betonen, dass dieser ungehobelte Tyrann auch sehr viele gute Seiten hatte und es gleich einen ganzen Haufen Menschen gibt, die ihn schmerzlich vermissen. Es sind auch Tränen geflossen auf dieser Beerdigung! Auch wenn es wohl keiner glaubt, der's nicht gesehen hat.

Mittwoch, 11. Oktober 2006

Bei klarem Verstand

An dieser Stelle wollte ich ursprünglich die ein oder andere kleine Anekdote aus dem Leben meines Großvaters mütterlicherseits anbringen, doch ich habe jedes einzelne Wort wieder gelöscht. Ich habe mehrere Anläufe genommen, aber die Geschichten hörten sich laut gelesen gequält und bedrückt an. Warum?
Mein Großvater kam vor zwei Wochen wegen eines an sich unspektakulären Knochenbruchs am Fuß ins Krankenhaus. Diese Fraktur löste eine unaufhaltsame Kettenreaktion aus, die auf die eine oder andere Weise, über kurz oder nur geringfügig länger zum sicheren Tod führen wird.
Wie oft werden Menschen bedauert, die im Alter ihren Sinn für ihre Umgebung, für die Realität verlieren? Aber ist es besser, genau mitzubekommen, wie innerhalb von nur wenigen Tagen Organe ihren Dienst verweigern werden, Körperteile den Befehlen des Gehirns nicht mehr folgen können und zu beobachten, wie der eigene Körper Stunde um Stunde mehr in sich zusammenbrechen wird?
Niemand hat ihn bisher darüber informiert, dass er und die Ärzte in einer Zwickmühle ohne Ausweg sitzen, und doch sagte er, ein gestandener Mann von fast zwei Metern Körpergröße, einhundert Kilogramm Machomuskelprozt mit schulterlangem, schlohweißem Haar bei einundneunzig Lebensjahren, der niemals Angst vor etwas oder jemandem gezeigt hat, mit gesenktem Blick:
"Alt werden ist nichts für Feiglinge." Er weiß es.

Donnerstag, 28. September 2006

Meine kleine Farm.

Wie bereits erwähnt, vergnügt sich mein bH an diesem Wochenende auf hessischer Amüsiermeile. Gerade mit Sack und Pack weggekarrt, komme ich in meine Singel-Bude auf Zeit zurück, klingelt das heimische Telefon. Meine Mutter.
"Du erinnerst dich doch, dass Sabine dieses Wochenende kommt?", fragt sie. Ich grunze ein bejahendes "Hm." in den Hörer, für ein deutlicheres Ja fehlt mir der Mut, denn eine graue Vorahnung kriecht mir ins Genick. Tante Sabine, Mutters Schwester, trinkt gerne mal'n Glas Rotwein und kriegt dann das heulende Elend, aber sonst sehr nett.
"Philipp kommt auch mit." Cousin Philipp, mit zwei p, etwas spießig, unsportlich, gräulich, Typ Mathestudent, aber sonst eben auch sehr nett. Ich wiederhole mein obligatorisches "Hm." Pause.
"Und Gerd fährt die beiden." Mhm?! Onkel Gerd, entwickelt und testet ABS-Systeme. Seit einer 200 Kilometer-Fahrt mit ihm, muss man bei mir ein EKG im Kniebereich machen. Die Pistensau steht auf joggen und Müsli, aber sonst-
"Und du bist doch am Wochenende alleine, hast also Platz, oder?" Der blanke Schrecken packt mich an beide Schultern und schüttelt mich bis nahe an die Bewußtlosigkeit!!! Ich mache auf begriffstutzig und frage ein wenig wortarm: "Und?"
Antwort: "Du könntest doch bei mir auf dem Sofa und die drei dann bei dir..." Was? Statt sturmfrei, Hotel Mama? Nö.
"Nein. Ich will nicht." Pause. Habe ich das etwa laut gesagt?Komm schon, lass dir eine Ausrede einfallen, na los! "Äh, die Katzen krieg'n glatt'n Herzkasper. Uuuuund- Ach ja, das Bett ist zu schmal und das Sofa zu kurz. Viel zu kurz!", fällt mir gerade noch zu meiner Verteidigung ein.
"Gut, dann schlafe ich eben bei dir." Denk nach, denk naaaach, um Himmels Willen! Ich brauche ein ABER, aber sofort! Aber kein ABER in Sicht. Wie schön, ein Wochenende im Schoße der lieben Familie. Oh Hosianna, welch Freuden. Eben noch keine Idee, wie ich mein Wochenende, dem meines bHs ebenbürtig, gestalten könnte, da klatscht mir diese Überraschung auf die Fussmatte. Ich singe und tanze vor Begeisterung und nebenbei beziehe ich das Bett neu, sauge, wische, spüle, räume und putze Bad wie Küche, weil meine liebste Mutter so'ne Pingelrübe ist!
Verdammt.

Montag, 27. Februar 2006

Mütter dürfen mehr als Schwestern

Vorhang auf, Spott auf Sessel, in dem Mutter lümmelt und gemütlich liest. Der Sohn ist zu Besuch aus Köln und kommt ins Wohnzimmer.
Fragt der Sohn die Mutter: "Was liest denn du da?"
Antwortet die Mutter: "Die elfte Plage."
Fragt der Sohn: "Elfenplage? Was für Elfen sind denn schon eine Plage?"
Mutter rauft sich die Locken und antwortet: "Tja, die Geschichte dreht sich um eine große gefräßige Elfe im rosa Tutu, die ihren Vater in den Ruin treibt und die Mutter in den Wahnsinn."
Der Sohn stutzt. Er fragt: "Tatsächlich? Ist das nicht ein wenig an den Haaren herbeigezogen?"
Mutter legt das Buch zur Seite und antwortet: "Nein. Die Story handelt von dir."
Sagt der Sohn: "Interessant. Dann muss ich das auch mal lesen."

Die Moral von der Geschichte:
Mütter dürfen mehr als Schwestern! Hätte nämlich ich etwas in der Art gesagt, hätt`s gleich Ärger gegeben.

Dienstag, 21. Februar 2006

family affairs/ introducing GRANDMA

Bevor ich mit den Familiengeschichten beginnen kann, die mein Großvater ja zu seinen Lebzeiten eher ungern aufgeschrieben sieht, sollte ich die wichtigsten Mitglieder und Hauptdarsteller zumindest kurz vorstellen. Wir reden hier übrigens vorläufig nur von der Verwandtschaft mütterlicherseits, um Missverständnisse zu vermeiden.
Meinem Großvater Zuliebe, verwende ich selbstverständlich nicht die richtigen Namen der Familienmitglieder. Nennen wir meine Großeltern doch einfach Maria und Josef Lodenmantel.

Maria Lodenmantel kam Anfang der Zwanziger sowohl namentlich, als auch aus gesellschaftlicher Sicht wenn man so will, als eine geborene Nerzmantel zur Welt. Sie wurde nach den damals üblich strengen Massstäben erzogen, die sie sich zum Teil auch über die Jahre erhalten hat, dennoch war sie für damalige Verhältnisse ungemein modern.
Sie legte immer schon sehr viel wert auf ihr Erscheinungsbild. Bevorzugt trug sie farblich zurückhaltende Kostüme, die dem schlichten, aber klassischen Stil von Jil Sander gleich kommen, und sie war eine der mutigen Vorreiterinnen, was das Tragen von Hosen betraf. Als ausgebildete Graphikerin kann man ihr da sicherlich einen geübten Blick für Form und Stil nicht absprechen. Auch zu finanziell brenzligen Zeiten leistete sie sich stets einen Spitzenfriseur und besuchte regelmäßig eine gute Kosmetikerin, was ihr heute unheimlich zugute kommt, indem man sie um gut zehn Jahre jünger schätzen könnte. Selbst wenn sie Pfannen schwingend in der Küche hantierte und ihr das kartoffelwassergesträhnte Haar wirr über dem Auge kräuselte, hinterließ Maria stets den kunstvollen Eindruck von Anmut und Eleganz.
Sie brachte zwei schreckliche Töchter und einen anstrengenden Sohn zur Welt, deren Erziehung ein ordentliches Maß an Nervenstärke und Schneid erforderte. Sie scheute sich nicht auch mit hohen Absätzen, ihrem Sohn mit Anlauf in den Hintern zu treten, wenn es die Situation erforderte, oder meiner Mutter die Gabel schwungvoll in den Ellbogen zu stechen, sobald sich dieser während des Essens der Tischplatte näherte.
Ihrer Liebe zur Kunst (Sie liebt Chopin, verehrt Wilhelm Busch und vergöttert Horst Janssen!) verdankt sie wohl neben all ihrer demonstrativen Kraft auch ihren unverkennbaren Hang zur Dramatik. Sobald ihre Kinder oder besonders der Ehegatte ihr Nervenkostüm zu stark beanspruchten, legte sie sich mit einer Handvoll bunter Tabletten ins Bett und war schlagartig totkrank. Ihre Symptome reichen seit jeher von leichter Migräne bis zu Gefahr verheissenden Herzschmerzen und erinnern stark an die Szene der vor Sorge erkrankten Mutter Bennett in Jane Austens "Stolz und Vorurteil", als ihre jüngste Tochter unverheiratet mit einem Mann durchbrannte. Auch solch wundersame Heilungen erfuhr Maria Lodenmantel, also kann ich diesen Vergleich bedenkenlos so stehen lassen.
Ihr langes und erfülltes Leben wird sie dem Umstand verdanken, dass sie sich letztendlich nicht unterkriegen lässt, wie sehr sie auch unter vielen Bedingungen leiden musste und noch immer muss, so wie ihrem unerschütterlichen Humor. Maria Lodenmantel zitiert Busch in so ziemlich jeder Lebenslage und ich bin sicher, dass er maßgeblich dazu beigetragen hat, dass sie sich nie am Querbalken des Dachstuhls aufgeknüpft hat.

to be continued...

Dienstag, 14. Februar 2006

family affairs

Heute sprach ich via Telefon mit meiner geliebten Großmutter mütterlicherseits. Es gab keinen besonderen Grund für meinen Anruf, es handelte sich lediglich um den Erhalt eines Lebenszeichens. Ich fragte sie, wie das werte Befinden sei und ihre Antwort lautete:
"Ach, Schätzchen, ich liege seit zwei Tagen im Bett. Mir ist ganz übel." Herrje, das ist natürlich weniger schön, dachte ich. Nach der Ursache brauchte ich nicht erst zu fragen, die einleuchtende Ertklärung folgte auf dem Fuße, wie man so schön sagt.
"Dein Großvater hat sich für Freitag angekündigt! Ich fürchte, er wird gleich mehrere Tage hier verbringen wollen.", stöhnt die Großmutter. "Ich schlucke röhrchenweise Tabletten in den unterschiedlichsten Farben, aber nichts will helfen. Herzschmerzen kriege ich, wenn ich nur daran denke."
Tja, diese Symptome verursacht der Besuch ihres von ihr getrennt lebenden Gatten in der Tat bereits seit Jahrzehnten, aber weder Scheidung noch dauerhafte Trennung kommen für beide nach über 70 Jahren Ehe in Frage.
Nur zu gerne würde ich die Geschichten, die sich allein um diesen Teil meiner Familie ranken, aufscheiben. An Material mangelt es nicht, aber mein Großvater hat Einwände.
"Kindchen.", sagt er gerne. "Ich bin bereits 90 Jahre alt. Kannst du nicht wenigstens warten, bis ich tot bin? In meinem hohen Alter möchte ich nicht noch in den Knast."
Nun, irgendwie muss ich diese Bitte ja respektieren, nicht wahr? Allerdings könnte ich doch vielleicht mit den harmloseren Geschichten schon beginnen, finde ich. Ich denke, ich werde mir ein paar Notizen machen und in den nächsten Tagen mal ein paar short stories davon bloggen. Wäre doch zu schade, wenn sie einfach verloren gingen.

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