Highlights einer letzten Begegnung

Vor der Beerdigung.
Meine Großmutter mütterlicherseits nippt nicht an Likörchen.
Meine Großmutter säuft Gin Tonic.
"Wenn ich mich schon betrinken muss, und das ist ja wohl das Mindeste, wenn der Alte schon hopps gegangen ist, dann mit Stil und nicht mit Zucker.", sagte sie. Einen Longdrink später zitiert sie wieder Wilhelm Busch. Den zitiert sie immer und in jeder Lebenslage, warum also auch nicht in der Stunde des Dahinscheidens des Mannes, mit dem sie über 60 Jahre lang verheiratet war, wenn auch seit bereits 25 Jahren getrennt lebend, da der Herr lieber ganzjährig in Celle Pferdezucht und Jagd betrieb, als bei seinem Eheweib in der Nähe von Münster zu weilen. Meine Großmutter hat es weniger gestört. Eigentlich bekam sie immer nur schon eine Woche, bevor er mal wieder zu Besuch kam, Herzschmerzen, die noch eine weitere Woche nach seiner Abreise anhielten. Sie zitiert also Busch. Dieses Mal aus 'Abenteuer eines Junggesellen'.
"Heissa! - rufet Sauerbrot -
Heissa!! Meine Frau ist tot!"
Sie hält inne, sinnt nach über ihre Wahl. Dann:
"Schade nur, dass das nur mit "meine Frau" geht, nicht mit "mein Mann", denn da fehlt ja da'ne Silbe."

Der Sohn des mittleren Bruders meines Großvaters ist mein Großonkel oder sowas? Egal. Rölfi jedenfalls ist Pfaffe. Ein guter, gläubiger Mann. Deshalb wohl weigerte er sich auch, die letzte Messe für seinen verstorbenen Onkel Theo zu halten. Er meinte, er könnte unmöglich als gläubiger Vertreter der katholischen Kirche einem Mann, der diesem Lebenswandel fröhnte, die letzte Ehre erweisen. Da gehen wir jetzt aber erst einmal nicht ins Detail. Die Frau des mittleren Bruders meines Großvaters jedenfalls sagte zu ihrem Sohn:
"Junge, das ist mir ganz egal, ob du kannst oder nicht, du machst das! Sonst zeig' ich dir gleich mal kurz, was Nächstenliebe ist, mein Freund."

Bei der Beerdigung.
Nun denn, so sprach Pfarrer Rolf also von Lebenswegen und Zielen seines Onkels Theo, die ihm, seinem Neffen, leider im Verborgenen geblieben waren. Geschickte Wortwahl, das muss ich ihm lassen. Rolf sprach davon, dass man dem Verstorbenen all die Dinge und Worte verzeihen möge, die seine geliebten Mitmenschen doch verletzten. (Nie körperlich! Er war halt nur nicht sehr- diplomatisch? Sensibel?) Meine Großmutter nickte heftig. Rölfi, der -nebenbei bemerkt- eine ansehnlich Plauze bekommen hat, seit wir uns das lette Mal trafen, sprach davon, man möge dem Verstorbenen auch das verzeihen, was er eben nicht getan oder gesagt habe. Wieder nickte die Witwe heftig.
"Amen!", rief sie in die bedrückende Stille der kleinen Kapelle. Leises Raunen lief in kurzen Wellen durch die Gruppe der trauernden Gemeinde. Großmuttern sah mit stechendem Blick in die Runde und wartete, dass einer wagte, einen Kommentar abzugeben oder nur einen vorwurfsvollen Blick in ihre Richtung zu entsenden. Sie erhob den rechten Zeigefinger und sagte laut und deutlich noch ein zweites Mal:
"A- men!"

Nach der Beerdigung.
Meine Familie neigt dazu, sich in jeder Lebenslage den Humor zu bewahren, eben auch deshalb, weil er vieles doch erträglicher macht. So dauert es nicht allzu lange, da hätte ein Außenstehender eher auf einen fröhlichen Geburtstag getippt, statt auf einen Leichenschmaus.
Meine Großmutter stieß meinem Bruder den Ellbogen in die Rippen und sagte leise:
"Ach, wie sie alle lachen und Scherze machen. Aber soll ich dir mal was sagen?" Oje, jetzt sagt'se gleich, wie traurig sie doch ist und wie schmerzhaft diese Erfahrung!
"Weißt du, die einzige, die sich aber wirklich richtig freut, die bin ich. Seit zwei Jahren denke ich über Scheidung nach (Großmutter 86, Großvater 91!) und zerbreche mir den Kopf, da gibt der Alte plötzlich den Löffel ab. So einfach wollte ich es ihm eigentlich nicht machen. Aber da siehste mal wieder, einige Probleme lösen sich eben doch ganz von selbst."

Ihr könnt Euch vielleicht denken, dass noch viel mehr Dinge ausgesprochen wurden, die ich aber an dieser Stelle lieber nicht wiederholen möchte. Ich möchte allerdings betonen, dass dieser ungehobelte Tyrann auch sehr viele gute Seiten hatte und es gleich einen ganzen Haufen Menschen gibt, die ihn schmerzlich vermissen. Es sind auch Tränen geflossen auf dieser Beerdigung! Auch wenn es wohl keiner glaubt, der's nicht gesehen hat.

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