Freitag, 13. Oktober 2006

Sonst nie, aber heute.

Ich halte mich nicht für übermäßig ramontisch. Ich weiß ja nicht einmal, wie man das schreibt. Weder seitenlange Liebesbriefschwülste noch stundenlanges Geplärre von ewiger Treue und tiefschürfender, selbstmitleidtriefender Schwüre über seelische Verbundenheit, die bei Trennung unweigerlich zum Tode führen würde, können mich ernsthaft vom Hocker hauen. Trotzdem bin ich sicher nicht unsensibel, auch wenn ein ehemaliger Kollege dies einmal behauptete.
Er sagte, ich sei mindestens so sensibel wie eine westfälische Stahlbetonwand. Dass ich herzlich darüber gelacht habe, beweist doch, auch ich habe Gefühle!
Außerdem mag ich durchaus Sonnenuntergänge, wecke meinen bH ab und zu mit frischem Kaffee und einer sanften Massage, die das grausame Wachwerden an tiefgrauen Regentagen versüßen. Nur darf es eben nicht ausufern. Ich würde nie auf die Idee kommen, den Tag des dreieinhalbjährigen Bestehens einer Beziehung mit einem Bad zu zweit bei schummrigem Kerzenlicht, einem Glas Champagner, hemmungslosem Sexgelage und einem opulenten, ausgedehnten sexy-food-Mahl zu feiern. Nie! Aber heute.
Nie muss mein bH freitags arbeiten, aber heute.
Und, als wir heute beim überaus empfehlenswerten Feinkostladen "Da Pino" in der Winscheidtstraße Berlin /Charlottenburg standen und ich schwärmte, wie toll der Champagner des Familienbetriebs Berlucchi schmeckt, fragte mein bH:
"Wieviel Geld hast'n mit?" Genug, dachte ich und klatschte freudig in die Hände!
"Ich hab' nämlich Katja (Arbeitkollegin) versprochen, mit ihr anzustossen." Sonst trinkt mein bH übrigens nie Champagner, aber heute. Nicht, dass ich Champagner für etwas überaus Ramontisches halte. Ich trinke immer, überall und mit jedem Champagner, mit oder ohne Gelegenheit. Mein bH könnte also genauso gut nie zum Schrottplatz fahren, aber heute. Mit einer fremden Frau! (Nein, das ist gelogen. Katja ist mir nicht fremd, sondern sehr sympatisch und ganz sicher keine Gefahr, aber dann fehlt mir die Theatralik.) Ausgerechnet heute, an unserem dreieinahalbjährigen Beziehungsjubiläum trinkt sie fremd. Versteht Ihr?
Oh süße Sehnsucht...- Das schreit nach einem Gedicht! Sonst dichte ich ja nie, aber heute. Moment-

Jez sitz ick hier
mit schnödem Bier
janz alleen vorm Computer,
nur ick und der Kater.

Romantik hab' ick abjelehnt,
drum blieb det Jubiläum unerwähnt,
de Rosen noch in Floristenhände
und meen'n Champagner trinkt'ne Fremde.

Alkohol läuft int Blut,
in de Lende brennt Feuer.-
Doch ick fass' neu'n Mut,
det bezahlt'se ma teuer!

Der Vers ist im Umbau,
'n Talent, det keener kannte.
Wird Zeit, det ick abhau,
sonst werd' ick noch zur Lyriktante.

So! Nicht schlecht, was? Für so'ne Stahlbetonwand? Hat mich aber auch eine halbe Packung "Pretzel Pete" gekostet, und zwar die, die laut Packungsbeschreibung generously dusted with lip-smacking honey mustard seasoning sind!

Excuse me, have you seen my brain?

In einem Möbelfachgeschäft lässt sich ein optisch gut situiertes Ehepaar bezüglich eines Sofas beraten. Über Model und Maße scheint sich das Paar einig, nicht aber über Farbe, Muster oder das Material, mit dem das Sitzmöbel bezogen werden soll. Stoff oder doch lieber Leder?
Die Frau macht soweit einen intelligenten Eindruck, ist stilvoll gekleidet, hat die gängigen Benimmregeln gepaukt...- Aber dann beginnt sie leider laut zu denken:
"Eigentlich tendiere ich ja schon zu Leder. Aber man hört ja so viel im Moment." Ach ja? Was hört man denn so? Fragezeichen in den Gesichtern aller am Gespräch beteiligten Personen. "Sie wissen schon.- Erst diese Rinderwahn-Geschichte und jetzt diese schreckliche Gammelfleischaffäre!" Noch mehr Fragezeichen! Dieses Mal in den Gesichtern aller Personen, die sich im Gebäude befinden.
Die beratende Innenarchtitektin kaut auf ihrer Unterlippe, aber zu spät; sie kann sich ihren, dem geistigen Niveau angemessenen, Kommentar nicht verkneifen.
"Wollen Sie nun auf dem Sofa sitzen oder dran lecken?"
Die Doofe kichert. Möchte wissen, was die Fachverkäuferin wohl dachte. Vielleicht:
Soll sie sich doch ihr Sofa mit Kunstleder beziehen lassen und es auf ihr Echtholzimitatlaminat stellen, ihren platten Hintern draufwerfen, dass die Plastetitten nur so schlingern, sich Strasssteinchen auf die Kunstnägel kleben und in der Glotze zur Fortbildung noch'n paar Talkshows reinziehen! Dann wird alles wieder gut.
Ach nee, das war ja das, was ich dachte. Oohps.

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